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Ark-Academy, London

Texte

Ark Academy oder police Academy?
Als Vorbereitung für den englischsprachigen Unterricht in Geografie (Immersions-Unterricht) hatte ich die Gelegenheit, in London mehrere Schulen kennen zu lernen, die Schulabschlüsse ähnlich unserer Matura anbieten. Eine davon ist die Ark Academy, in Wimbley, einem sozial benachteiligten Vorort nördlich von London, welcher von den jüngsten Ausschreitungen ebenfalls betroffen war.
Schon am Empfangstor staunte ich nicht schlecht, dass alle Schüler per Fingerabdruck-Scanner Zugang durch die Schleuse erhielten und so gleich in der Absenzenkontrolle elektronisch erfasst wurden. Die Kinder, allesamt in frischgebügelter Schuluniform gekleidet, steuerten in Richtung Bibliothek, wo sie vor dem Unterricht mindesten 20 Minuten lesen sollen. Ich wurde von einer der Prorektorinnen, Frau Ball, durch die Schule geführt, die mir erklärte, dass die Mehrheit der Schülerschaft aus afrikanischen oder asiatischen Immigrantenfamilien stamme. Weisse Bewohner gäbe es in diesem Vorort nur wenige. Im Gebäudeinnern fiel mir sofort auf, wie mäuschenstill es war. Im Treppenhaus und auf den Gängen herrschte strikter Linksverkehr in Einerkolonne. An einer Wand erspähte ich drei Plakate mit Fotos und Namen aller Schülerinnen und Schüler. Ein grünes für solche, die das Jahresexamen gut absolviert haben, ein gelbes für knappe Resultate und auf dem roten die vereinzelten Fotos der Unglücklichen, die das Examen nicht bestanden haben. Ob das die Kinder nicht etwas blossstellen könnte, fragte ich die Lehrerin. Etwas verwundert über meine seltsame Frage meinte sie, dass das wohl stimme aber dieser Wettbewerb auch sehr motivierend wirke. Es sei im ganzen englischen Sprachraum durchaus üblich, die Prüfungsresultate der Absolventen zu veröffentlichen.
Unterdessen versammelten sich die Kinder auf dem Schulhof klassenweise in Einerkolonne, wo sie ihrem Fachlehrern schweigend in die Schulzimmer folgten. Dort sprachen sie im Chor eine Art Ehrenkodex der Schule, was zu Beginn jeder Stunde üblich ist. Dieser Kodex beinhaltet die Worte Civitas (so etwas wie Bürgerschaft), Exzellenz, Ausdauer und Partizipation. Nicht umsonst durfte ich einer Mathestunde beiwohnen, schliesslich wird diese hier als die Kernkompetenz für den Übertritt an die Hochschule gesehen und wird besonders gefördert. Die Lehrerin forderte nun die Schüler auf, sich zu setzen und der Unterricht begann.
In dieser Stunde für das siebte Schuljahr war Kopfrechnen auf dem Programm, wobei die Lehrerin klare und strenge Anweisungen gab. Flüstern war verboten und schräg auf dem Stuhl sitzen quittierte sie mit einem barschen „sitz gerade!“ oder „Augen auf mich!“. Selbst ich als Zuschauer getraute mich kaum, mich zu bewegen und führte artig gedanklich die auf der digitalen Wandtafel aufleuchtenden Rechnungen durch.
Nach einer halben Stunde sollte ich wie abgemacht die Klasse verlassen und das nächste Zimmer aufsuchen. Kaum trat ich im Zimmer der Geografieklasse ein, erhoben sich alle Schüler wie auf mein Zeichen und schauten mich stumm an. Etwas verlegen brachte ich ein „good morning“ heraus, was mit einem Chor von „good mornig, Sir“ quittiert wurde. Der Lehrer stellte mich als Geografielehrer aus der Schweiz vor, in der Mathe war ich noch aus Schweden, was soll’s. Der Lehrer forderte die Schüler nun zum Platz nehmen auf, was eigentlich mein Part gewesen wäre, wie man mir später beibrachte. Nun gaben alle ihr Wissen zur Schweiz zum Besten: Die vier Sprachen, die Uhren, die Berge und die Sauberkeit fanden Erwähnung, sowie auch der Reichtum, aber nicht das angeknackste Bankgeheimnis.
Zum Schluss meines Besuchs stand noch ein Gespräch mit der Rektorin, Frau Delia Smith, auf dem Programm. Etliche Lehrer hatten sie mir vorher nicht ohne bewundernden Unterton beschrieben sowie gewarnt vor ihrer Strenge. Frau Smith erklärte mir, dass sie die Prinzipien des Leitbildes konsequent umsetze, was ich mir mühelos vorstellen konnte. Die hohen akademischen und menschlichen Ziele könnten nur erreicht werden, wenn höchste Standards für Lehrer und Schüler eingefordert würden, erklärte sie mir. Dabei würden auch neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft einbezogen. Ein wichtiges Prinzip der Schule sei auch eine Art „anteilnehmende Schonungslosigkeit“ namens „No excuses“, ursprünglich ein Zitat von George Washington Carver, der dieses in etwa so begründete: „99% aller Misserfolge stammt von Leuten, die dafür immer eine Ausrede haben. Jedes Kind kann Erfolge erzielen, unabhängig von seinem Ausgangspunkt.“ Ein wichtiger Teil des Schulmottos „Civitas“ sei auch die Partizipation von Schülern an sozialen Aktivitäten in der Umgebung. Ebenfalls würde von den Eltern eine Teilnahme im Umfang von zehn Stunden pro Schuljahr, wie etwa bei Anlässen, Nachhilfe oder Sport erwartet. Um die Verbindlichkeit und Zusammenarbeit zu unterstreichen würden hierfür eigens Verträge unterzeichnet. In wenigen Worten sei „work hard, be nice“ das, was man sowohl von Schülern als auch vom Personal fordere, resümierte Frau Smith bei einem kräftigen Händedruck zum Abschied.
Was „Civitas“ für ihn bedeute, testete ich einen beliebigen Schüler im Treppenhaus beim Hinausgehen. Prompt freundlich und nicht ohne Stolz meinte er, dass dies für ihn bedeute, dass er in einer Wohltätigkeitsgesellschaft in Wimbley einmal die Woche helfe, Essen an die Armen zu verteilen.

Weiterführende Informationen zur Ark Academy unter
www.arkacademy.org.

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