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Behindert im November
„Döf ech e chli zo Ehne häre setze?“ fragte mich der Mann mit der Krücke im Zug nach Stans. „Gern, chömed Si nome,” erwiderte ich, wahrheitsgetreu und doch etwas perplex von der unbekümmerten Direktheit dieses Mannes mit dem Schnauz, der mich irgendwie an unsern Bundesrat, Samuel Schmid, erinnerte. Er hatte ein Strahlen in seinem rundlichen Gesicht, als er sich mir gegenüber setzte und zu erzählen begann. Er werde seine Mutter besuchen, die in Stans wohne, so erklärte er mir, die seit dem Tod ihres Mannes vor acht Jahren alleine dort wohne. Er schien seine Mutter sehr zu mögen, so wie er über sie redete, und auch als er von seiner Stelle erzählte, sah ich dieses Leuchten in seinen Augen und den Stolz, so wie ein kleiner Junge, der mir erzählt, dass er schon alleine die Schuhe binden kann. Er arbeite im Behindertenheim und montiere dort Motoren für Föhns und dies seit 20 Jahren. Er sei sehr dankbar, denn sonst wüsste er ja nicht, was er machen sollte. Aber dort, ja, da gefalle es ihm sehr.
Ich weiss nicht, ob ich ebenso stolz darauf bin wo ich arbeite wie er, obwohl mir meine Arbeit, es sei gesagt, gefällt. Aber heute, nein, da war nicht mein Tag, ein grauer November, der ganze Winter mit seiner Dunkelheit und Kälte vor mir. Das triste Gefühl in mir wollte ich mit einer Wanderung über den Nebel an der Bergsonne beseitigen, etwas mit mir alleine sein. Da sass nun also dieser „Samuel Schmid“ mit einer blauen Krücke und erzählte mir, dass er behindert sei, und mir kam es nicht so vor. Dann beugte er sich zu mir und sprach mir mit leisem, liebevoll fragendem Ton in mein Ohr, ob ich ihm nicht etwas Geld für ein Kaffe hätte. Die Meisten, die mich um Geld fragen, bezichtige ich, dass sie mich anlügen und damit wohl Alkohol oder Drogen kaufen wollen. Aber bei seiner Frage, die so arglos und direkt war, musste ich lächeln und zog mein Portemonnaie hervor. Er strahle wie ein Kind und steckte das Geld in seinen, wie ich dabei sah, leeren Geldbeutel. Nun begann er mir zu erklären, wie ich am besten den Weg nach Niederrickenbach finden würde. Es war eine klare Beschreibung, ohne dass dabei eine Verwirrung in meinem Kopf entstand. Beschwingt verabschiedete er sich, so selbstverständlich wie er sich vorher zu mir hinsetzte. Unwillkürlich musste ich mich fragen, wieso dieser Mann wohl im Behindertenheim arbeitet. Dieser Mann, der auf einfache Art glücklich und klar war. Zugegeben, als Bundesrat sähe ich ihn nur mit Verwunderung, doch abgesehen davon wäre das auch für mich der falsche Beruf. Wie stolz er war, dass man ihn brauchen kann für etwas Sinnvolles, eben einen Föhn, der vielen Menschen, wohl vorwiegend Frauen, die Haare trocknen würde. Und diese Frauen wiederum wären ein kleines Stück glücklicher, eine trockene Haarpracht zu haben, um sich vielleicht nicht an der Novemberluft zu erkälten, oder auch, um einfach schön zu sein. Daran zweifelt niemand, Haartrockner braucht es, und auch diejenigen die sie fertigen.
Ich aber sass nichtbehindert in diesem Zug, und doch fühlte ich mich an diesem Tag gehindert, einen Sinn zu sehen, in dem was ich gerade tue. Ich kann nach Amerika reisen, Schüler unterrichten, Freunde sehen, wandern, Kurse besuchen, tun und lassen was ich will. Es hindert mich niemand daran, auch ich mich selbst nicht. Ja, es gefällt mir, was ich tue, wenigstens die meiste Zeit. Und doch habe ich diesen Mann bewundert für seinen Stolz, seinen Platz, den er so selbstverständlich hat in dieser Welt, ohne dass er nachdenken muss, ob es nun der richtige Platz sei, einfach weil er es mit Sicherheit weiss.