Hauptmenü
Reisen > Indien
Mit Pferden durch den Himalaja
Eine der wohl beeindruckendsten Bergregionen der Erde ist Ladakh in Nordindien. Kulturell und historisch wird die Region als Westtibet bezeichnet, gehört aber heute zur Provinz Jammu and Kashmir.
Um nach Leh, dem Hauptort von Ladakh, zu reisen, gibt es zwei Möglichkeiten: Eine etwas zweifelhafte mit Air India oder eine wirklich gefährliche mit einem überfüllten Bus von Delhi in etwa drei Tagen. Wie gefährlich der Verkehr im Himalaya auf den schmalen Passtrassen ist, sahen wir an zahlreichen zerschmetterten Lastwagen oder Buswracks unterhalb der Strasse.
Wer wie mein Bruder und ich per Flugzeug in Leh ankommt, muss zuerst einmal drei Tage Kopfweh und eine geistig (noch mehr) verminderte Zurechnungsfähigkeit in Kauf nehmen, denn die Stadt liegt auf 3500 Meter über Meer. Das Strassenbild von Leh ist geprägt durch ein wildes, lärmendes Durcheinander von Strassenhändlern, hupenden Jeeps, sträunenden Hunden und heiligen Kühen, durchzogen von Gewürzdüften oder beissendem Gestank nach Aas. Dazwischen auch Touristen in Gore-Tex Jacken und Treckingschuhen mit umgehängter Kamera. Trotz der Höhe ist es im Sommer angenehm warm und in den Flussoasen der Gebirgswüste wachsen sogar kleine, süsse Aprikosen, die in Leh auf dem Markt erhältlich sind.
Ein Velo wäre (wie ich das fast immer behaupte) das ideale Verkehrsmittel, um die weiten Täler und herrlichen Berge zu erkunden. Aber diesmal entschieden wir uns für das Wandern mit Pferden. Dazu heuerten wir einen Pferdeführer mit vier kleinen, etwas zerzausten und beinmageren Pferden für den Transport unseres Gepäcks und der Lebensmittel an.
Er versicherte uns, den über zwei Wochen dauernden Weg zum Tso Moriri, einem etwa 35 Km langen Gebirgssee, zu kennen, auf dem unterwegs nichts als verlassene Steinhäuser von Nomaden an die Menschheit erinnern.
Mir wurde erst jetzt bewusst, wie wenig ich vorher über Pferde wusste. So ist mir erstmals aufgefallen, dass es weniger anstrengend ist, hinter dem lahm trottenden Gaul zu Fuss zu gehen, als auf ihm zu reiten. Das Einzige, was wirklich dagegen spricht, sind die fast ununterbrochenen Pferdefürze, die, wie ich mir vorstellte, den Pferden wenigstens noch etwas Vorwärtstrieb verliehen.
Auf halbem Weg begann unser Pferdeführer bei der Mittagsrast plötzlich zu lachen. Er kannte nur wenige englische Worte wie "Yes" und "No", aber heute überraschte er uns mit einem neuen: "Problem!". Ja, tatsächlich wäre es das fast geworden, denn er hatte nicht die geringste Ahnung, wo wir waren. Die einen haben immer einen Schirm dabei, wir aber ein GPS-Sattellitennavigationsgerät. Dieses verriet uns zwar unsere genaue Positon, konnte uns aber leider keinen Hinweis auf eine Quelle in dieser Wüstenregion geben. Es tröstet beim Verdursten schliesslich wenig, seine genaue Position zu kennen, denn selbst mit einem Abo der Swisscom hat man hier natürlich keinen Empfang. Nach einem Losentscheid musste mein Bruder entlang einer kleinen Strasse auf Wassersuche gehen, während ich beim Tross zurückblieb. Er hatte Glück und brachte schon nach drei Stunden unseren gefüllten Wassersack wieder zurück. Ein indischer Landschaftsfotograf brachte ihn auf dem Rücksitz seines alten Motorrades wieder zu uns.
Ab diesem Tag waren dann also wir die Führer, oder besser gesagt unser GPS. Und natürlich füllten wird die Wassersäcke bei jeder Quelle randvoll und erreichten so auch sicher unser Ziel, den Tso Moriri.
In Ladakh befindet sich der höchste befahrbare Pass der Erde, der Khardung La, mit angeblich 5603 Meter Höhe über Meer. Tatsächlich blieb auch uns dort oben, trotz wochenlangem Höhentraining fast die Puste weg, vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf unser Alter. Aber unser GPS entlarvte die offizielle Höhenangabe als Schwindel. Es zeigte uns eindeutig eine Höhe von "nur" 5403 Metern. Natürlich haben wir das keinem Inder verraten, das wäre in Indien vermutlich schlimmer, als in der Schweiz zu behaupten, Tell habe in der Hohlen Gasse den Gessler leider knapp verfehlt.