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Texte
Nicht! Lustig!
Das Geräusch von Schuhen auf dem Kiesweg zum kleinen Gartenpavillon bei der Villa Boveri durchdrang die Stille dieses Sonntag Morgens. Mit leisen Stimmen und wohlwollendem Zunicken begrüssten sich die elegant gekleideten Damen und Herren in Jackett und Krawatte, die sie von ihren Ehefrauen vor nicht wenigen Jahren zu Weihnachten erhalten hatten. Ja, sie macht keine exzentrischen Gesten, diese bessere Gesellschaft, welche klassische Konzerte besucht. Das Spezielle ist, dass niemand speziell scheint. War ich wieder einmal der jüngste unter den Konzertbesuchern, wie so oft? Da war wenigstens noch ein Freund von mir, mit dem ich zusammen hinging, so alt wie ich.
Drinnen im kleinen Saal wurden in der Garderobe die Mäntel aufgehängt bevor man sich auf einen der unbequemen lackierten Holzstühle setzte, auf welchen ich beim Ahnelehen immer nach vorne rutsche. In der vordersten Reihe rechts war noch ein Platz frei für uns. Hier sitze ich gerne, um die Musiker genau zu beobachten. Um elf wurde das Gemurmel immer leiser, bis man rasche Schritte von sechs schwarzen Halbschuhen der drei Herren in Frack vernahm. Einer hielt ein Cello, der andere eine Geige in der Hand, der Dritte setzte sich nach einer kleinen Geste des Danks für den Vorschussapplaus auf den Klavierstuhl und suchte für geraume Zeit die richtige Position und Distanz zum Konzertflügel. Es erstaunt mich immer wieder, wie wichtig offenbar diese Prozedur für ein Gelingen des künstlerischen Schaffens ist. Da war noch ein vierter, etwas ungepflegter Herr mit viel krausem Haar und dicker Brille, der sich hinter dem Pianist, zum Umblättern der Noten versteckte. Der Cellist, übrigens mein ehemaliger Cellolehrer, erblickte mich in der vordersten Reihe, lächelte fast unmerklich und begann sein Instrument zu stimmen. Als auch der Geiger das gleiche Ritual von sirenenartigem Rauf und Runter beendet hatte, einige Zuhörer noch auf Vorrat husteten, wurde es still.
Dann der gelungene Einsatz eines Klaviertrios von Beethoven. Die ersten Töne eines Konzertes sind für mich wie der erste Schluck Bier bei grossen Durst, mögen mir die Musikkenner den Vergleich mit diesem profanen Genuss vergeben. Gepflegt setzte der Geiger seine Striche und modellierte die Melodie, welche der Cellist wenig später aufnahm. Jetzt fügte sich auch der Pianist mit sanften Tastenklängen in das musikalische Gewebe.
Doch was war da? Plötzlich schoss der Blätterer in die Höhe, als wäre er ein Männchen an einer Springfeder aus einer Holzkiste. Er verrichtete sein Werk mit finsterer Miene, während ich verwundert und belustigt zu meinem Begleiter hinüberschaute. Auch dieser war vom jähen Aufschiessen des Krauskopfs mit schwerer Brille belustigt. Während ich ihn so lachen sah, merkte ich, wie meine Arterien vom Druck anschwollen und mein Bauch vor lachen zu schütteln begann. Ich befahl mir, mich sofort zusammenzureissen und spürte schon in meinem Nacken die strafenden Blicke der Zuschauer hinter mir. Ich konzentrierte mich darauf, ruhig durchzuatmen und den Blick möglichst von meinem Freund, der ebenfalls rauf und runter schüttelte, abzuwenden. Das Ende der Seite nahte wie ein unabwendbares Unheil, bevor es wieder geschah. Wieder erschien er, wie ein zerzauster Kuckuck aus einer Schwarzwälderuhr, was derart komisch wirkte, dass wir beide losprusteten. Ich schämte mich dafür, dass ich die Musiker derart ablenkte und begann an etwas trauriges, ich glaube es war ein Begräbnis, zu denken, um nicht mehr lachen zu müssen. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, meinen ebenfalls schüttelnden Nachbar zu ignorieren und so zu tun, als gäbe es überhaupt nichts zum Lachen.
Aber wie konnte das Ganze enden? Bei der nächsten Lachsalve drehte sich der Geiger nach hinten und sah den Mann, der wie ein Zeisig auf- und absprang. Auch er begann zu lachen, was den Cellisten ebenfalls zum lachen brachte. Der Pianist flüsterte dem verwunderten Blätterer zu, was die andern so lustig fanden und so mussten auch diese Beiden schmunzeln. Schliesslich begann auch die Dame neben mir herzlich zu lachen, dann einige hinter mir und am Schluss brüllte die ganze Menge mit tränen in den Augen bis die Bäuche schmerzten. Niemand würde ein solches Konzert je vergessen und die Menschen wären glücklich nach Hause gegangen, vielleicht mit Ausnahme des Blätterers.
Aber so war das Ende eben nicht, und wie so oft in der Realität hatte es weder eine Pointe noch nahm es eine aussergewöhnliche Wendung. Vermutlich haben die Musiker nicht einmal bemerkt, wie wir uns mit aller Kraft zusammengerissen haben und nach einigen Anläufen uns doch wieder beruhigen konnten. Kaum ein Zuschauer wüsste etwas Besonderes über jenes Konzert zu sagen, was schön war und danach vergessen.
In Konzerten dieser Art gibt es einige ungesagte Regeln, die es zu beachten gilt. Wer die Musik geniessen möchte, welche meiner Meinung dazu gedacht wäre, Gefühle zu erzeugen, darf dies unter keinen Umständen nach aussen zeigen. Mit den Fingern oder den Füssen zum Takt wippen, würde jemanden als ungehobelten Ignoranten entlarven. Mitsummen kommt schon gar nicht in Frage. Das missmutige Köpfedrehen brächte den unerwünschten Begleitmusiker mit strafendem Blick zum Schweigen. Und ja, ich wäre ein ebensolcher mit finsterem Blick. Kaum vorstellbar wäre jemand, der beginnt zur Musik zu tanzen. Man könnte dann nur hoffen, dass kein Psychiater anwesend wäre, welcher den Patienten wieder dorthin zurückbringt, wo er glaubt, dass er entlaufen sei.
Die von mir so geschätzte Schweiz ist manchmal derart schweizerisch, dass sie für mich schwer zu ertragen ist. Wir sind manchmal so unglaublich humorlos, wie die Menschen aus unserem Nachbarland, wählen Sie eines nach Ihrem Geschmack.
Aber wenn die Musik doch die Herzen bewegen soll, kann man auch ein Konzert veranstalten, wo dies auch geschieht. In der Mitte wird etwa das Gassenhauertrio gespielt und um sie herum tanzen die Leute, jeder wie es ihm gefällt, einmal wild und einmal still. Hinten sitzen zwei Verliebte auf einem Sofa und umarmen sich. Ein älterer Herr mit Frack hat seinen Dirigierstock mitgebracht und zeichnet damit Muster in die Luft. Eine mit Hut bekleidete Dame schaut lächelnd einer Frau zu, die seit langem wieder einmal zu tanzen versucht. Und ja, dort wäre es möglich, ohne schlechtes Gewissen nach Herzenslust zu lachen.
Zugegeben, so ein Anlass würde die Ablenkbarkeit der Musiker arg strapazieren, aber was spielt es für eine Rolle, wenn sie einmal rausfallen? Wer die Musik perfekt und ohne Störung geniessen will, kauft sich eine CD. Mag sein, dass die meisten Leute, mit solchen Wünschen in eine Disco tanzen gehen. Aber das ist nicht das Selbe. Wie geistreich ist Britney Spears schon im Vergleich zu Rachmaninov, Wie verspielt ist der Rapper Stress im Vergleich zu Mozart, welche Werte transportieren Bach oder Marilyn Manson mit ihrer Musik? Und was ist eine Konserve im Vergleich zu einem echten Musiker, der mit seinen Tönen zu den Zuschauern spricht und diese ihm antworten?
Ich jedenfalls würde einen solchen Anlass geniessen. Und falls Sie ein Musiker sind, der sich so etwas zutraut, dann melden Sie sich doch bei mir, damit wir schauen können, ob es noch andere Menschen gibt, die so etwas begeistert. Und wenn Sie nicht mitspielen aber mittanzen oder mitsingen oder was auch immer dabei machen wollen, dann melden Sie sich ebenfalls.