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Reisebericht Teil 3

Reisen > China

Teil 3: Vom Songpan in den Südwesten nach Lijiang

Nervenaufreibende Strecke

Nach einer zweitägigen Velopause ging es am Morgen talabwärts mit leichtem Rückenwind gut voran. Bald erreichen wir Songpan, wo die meisten westlichen Touristen schlafen, welche die Nationalparks besuchen wollen. Nach dem Mittagessen führt die Strasse wieder die Bergflanke hoch, entlang einem schönen See. Die Strasse ist am Rand nicht gesichert und wir haben manchmal etwas Angst, dass und einer der zahlreichen Touristenbusse von der Strasse die fast senkrechte Böschung hinunterbefördern könnte. Am Abend besichtigten wir einen schönen Aussichtsturm. Eintritt verlangt man uns nicht, sondern winkt uns lächelnd durch, aber dafür einen doppelt so hohen Austritt, was uns ziemlich wütend macht. Auch der Wirt ist mit dem Fleisch sehr geizig und verlangt dafür noch 50 Yuan, was etwa das doppelte vom üblichen Preis ist. Auch für das einfachste Hotel, welches in dieser Art 20 Yuan kosten sollte, will der Besitzer 50 Yuan. In der Provinz Sichuan wird offenbar mehr beschissen, als im Norden.

Am anderen Morgen kaufen wir im Dorf Mantou (eine Art gedämpftes Brot) auf welches wir unsere russische Marmelade streichen. Das half uns bei den vielen Auf- und Abstiegen der Strasse gegen das rote Becken. In dieser Region riefen uns sehr viele Chinesen "Laowai"(Ausländer) oder "Hello" mit einem papageienartigen Ton zu. Da sich dieses Ereignis jeden Tag von morgens bis abends wiederholte, begann es mit der Zeit zu nerven, besonders wenn wir müde waren. Durch das viele Bescheissen und das respektlose Nachrufen fanden wir Sichuan die mühsamste Provinz in China.

Ab Wenchuan talwärts nahm der Verkehr stark zu und es wurde auch unvernünftig gefahren. So erstaunte uns der Unfall, auf den wir trafen, ganz und gar nicht. Nebst dem Lärm und den Abgasen, welche das ganze Tal vernebeln, gab es hier auch wieder extrem viele Bienen, weshalb wir durch die Nase atmeten.

Ein hoher Pass

Wie froh waren wir, von dieser gefährlichen Strasse rechts abzubiegen gegen den Wolong Park. Ab der Abzweigung erwartete uns eine Steigung von nicht weniger als 3600 Metern bis zum Pass. Diese Strasse ist fein betoniert und steigt kontinuierlich an. Unterwegs staunten wir über zahlreiche teilweise riesige und wunderschöne Schmetterlinge. Bei einem sympathischen Familienvater übernachteten wir in einer einfachen aber schönen Bleibe mit warmer Dusche und feinem Essen.

Wie so oft mischten wir Müesli mit kaltem Reis und heissem Wasser zum Frühstück, eine gute Malzeit zum Velofahren, vor allem für den anstehenden Aufstieg. Die Velos haben wir frisch geölt und kontrolliert. Je höher wir durch das herrlich grüne Tal hinauffuhren, desto klarer wurde die Luft. Obwohl wir keinen der hier noch vorkommenden Riesenpandas zu sehen bekamen, genossen wir den Aufstieg. Auf 2800 m ü M. liegt der letzte kleine Ort vor dem Pass, weshalb wir hier übernachteten. Es war ein kalter Betonklotz und man wollte sich nicht einmal die Mühe nehmen, für uns zu kochen. Für den morgigen Pass entledigten wir uns von allen nicht mehr dringenden Gegenständen, um leichter zu werden.

Bei kristallklarer Luft und stahlblauem Himmel konnten wir anfänglich mit etwa 350 m pro Stunde steigen. Ab 3700 Metern fühlte sich Hannes zunehmend schlechter, auch deshalb weil er mies geschlafen hatte. Wenig später kochten wir am Wegrand eine Nudelsuppe, um Hannes etwas zu stärken. Danach konnten wir nur noch schieben wegen der dünnen Luft und Hannes musste aufpassen, dass er nicht umkippte. Die Strassenwindungen wollte kein Ende nehmen und dazu kam noch ein Gewitter mit Hagel, das über uns niederging. Um halb vier erreichten wir schliesslich mit Müh und Not den 4523 Meter hohen Balang Shan Pass, wo uns viele Chinesen ziemlich erstaunt fotografierten. Auf der anderen Seite konnten wir die ersten tausend Meter Abfahrt gar nicht richtig geniessen, so geschwächt und durchfroren waren wir.


Nicht enden wollende Baustelle

Hinter der Ortschaft war Schluss mit der guten Strasse und so wurden die nächsten Tage zur unerwarteten Qual. Aus meinem Tretlager war ein unschönes Knacken zu vernehmen, das sich zusehends verschlimmerte und mich beunruhigte. Die 114 Tageskilometer bis nach Danba zogen sich daher schleppend dahin. Die chinesischen Städtchen bestehen hier aus unüberbietbar hässlichen Betonklötzen. Dafür war das Essen wie meistens hervorragend.

Ein chinesischer Mechaniker reparierte den abgebrochenen Veloständer von Hannes und wollte partout nur 2 Yuan für fast eine Stunde Arbeit.

Ab dieser Ortschaft verlief die Strasse in einem Schluchttal nach Süden und war ab Danba eine ununterbrochene Baustelle ohne Belag, sondern mit teilweise Schlamm oder groben Steinen. Auch die rufenden Bauarbeiter und der Gegenwind trugen dazu bei, dass wir zu viel Stress hatten. Bis zum Abend erreichten wir keine Ortschaft und schlugen deshalb unser Zelt bei Bauarbeitern auf, welche zwar neugierig, aber gastfreundlich waren.

Auch am nächsten Tag endete die Baustelle nie und tausende von Arbeitern riefen uns teilweise mit höhnischem Ton "Laowai" nach. Erschöpft und entmutigt erreichen wir am Abend Luding. Der Trost des Tages war ein hervorragendes Nachtessen und ein Internetcafé, von wo aus wir die NZZ am Sonntag lasen.

Die verfluchte Baustelle endete auch heute nicht, dazu kam wie schon gestern eine verschüttete Stelle, wo gesprengt wurde und wir stundenlang warten mussten. Schliesslich entschieden wir uns, das Gepäck abzuschnallen und die Velos über steile Bergflanken durch Geröllhalden und Gebüsch zu tragen, was eine Stunde und viel Kraft in Anspruch nahm. Wir waren mittlerweile kräftemässig so am Ende, dass wir kaum mehr den Berg hoch fahren konnten, um nach Moxi, ein kleines Holzdorf, zu gelangen.

Holzdorf Moxi

Endlich fanden wir wieder eine Ortschaft, wo wir uns nicht weitergetrieben fühlten, sondern zwei bitter nötige Ruhetage einlegen konnten. Im Holzdorf findet man auch eine katholische Kirche, die wie ein Fremdkörper wirkt und doch anheimelte. Da der Eintritt in den Hailong Nationalpark mit dem Berg Gonga Shan (7556 m) freche 280 Yuan pro Person gekostet hätte und das Wetter ohnehin nicht klar war, entschlossen wir, diese Gletscher und Berge, die wir ja auch bei uns haben, auszulassen. Unterdessen hat die Schule in Immensee wieder begonnen und der Rektor hat ein Mail, das ich am Vorabend geschrieben hatte, an der Eröffnungsfeier vorgelesen.

Einmal mehr begegnet uns ein Konvoi mit Möchtegern VIP's, die begleitet mit Polizei arrogant in Patrols an uns vorbeibrausen. Sobald Chinesen zu Geld kommen, scheinen sie noch unerträglicher zu werden.

Ab Moxi war die Strasse für einmal keine Baustelle und die Menschen liessen uns in Ruhe, was eine ausnahmsweise stressfreie Fahrt ermöglichte. Auch die Birnen als Zwischenverpflegung sind in China wirklich Weltspitze. Entlang dem Weg können wir bei einer Reisernte zuschauen und machen einige schöne Bilder.

Einige Probleme auf dem Weg zum Lugusee

Aber schon am nächsten Tag ging es mit der Baustelle wieder weiter, und dies auf der Hauptverbindung Chendgu - Kunming! Die Strasse war kaum befahrbar und wir mussten auf ihr 1900 Höhenmeter bis zum Pass zurücklegen, ständig von den Arbeitern belacht, manchmal freundlich, oft auch höhnisch. Auch am nächsten Tag wieder endlose Baustelle mit Schutt, Staub, Schlamm und Lärm. Dazu wehte seit Tagen ein steifer Gegenwind.

Südlich von Mianning, wo wir übernachteten war die Strasse zwar wellig aber fast baustellenfrei. Ein etwa 15-jähriges chinesisches Mädchen nahm uns mit zu ihr nach Hause und wir lernten eine chinesische Familie kennen. Sie sprach allerdings kein Englisch, wir hatten seit Wochen nicht mehr englisch sprechen können.

Das Knacken im Tretlager hatte sich zwischenzeitlich bedrohlich verstärkt, weshalb ich einen Reparaturversuch unternahm, der aber scheiterte. Schliesslich half eine grosszügige Ölung, seither ist das Problem verschwunden.

Bis gegen Abend überquerten wir einen Pass und die Strasse war von recht guter Qualität. Allerdings fanden wir uns plötzlich wieder auf einer endlosen Baustelle und unerwarteten Steigungen. In diesem Gebiet fehlte uns die topografische Karte aus der Sowjetunion und so wussten wir nicht, wie hoch die Pässe sein würden, die vor uns lagen. Und er war sehr hoch, auch heute machten wir wieder einen Pass in der Höhe des Gotthards. Das Post- Hotel in Yanyuan war dafür erstaunlich gut.

Auch am nächsten Morgen war die Strasse wieder Baustelle, welche wir mittlerweile nicht mehr sehen konnten. Deswegen beschlossen wir, bei der nächsten Gelegenheit einen Bus zu nehmen, um zum etwa 100 km weit gelegenen Lugu See zu gelangen. Die Velos luden wir aufs Dach und im Bus setzten wir uns auf unser Gepäck am Boden. Vier Stunden lang fuhr ein älterer Fahrer ein vernünftiges Tempo, aber für die zweite Hälfte kam ein junger Heisssporn ans Steuer, der uns zeigen musste, wie schnell er fahren kann. Mehrmals streiften unsere Velos auf dem Dach niedrige Stromleitungen und in den Kurven schleuderte der Bus. Schliesslich verlor Hannes die Geduld und schimpfte mit dem Fahrer, was in China natürlich nur ein Lachen auslöst. Gottlob kamen wir aber heil im Ort Lugu Fa an.

Die Ortschaft liegt auf der für Touristen entlegenen Seeseite, weshalb wir die einzigen Ausländer waren. Hier gibt es farbenfrohe Häuser und das freundliche Volk der Moschi. Von ihnen werden wir auf unserem Spaziergang am See reichlich mit Obst beschenkt und in ihre dunklen Stuben zum Tee eingeladen.

Eigentlich wollten wir im Gegenuhrzeigersinn um den See fahren, was sich aber wegen des Hochwassers als schwierig herausstellte. Deswegen suchten wir jemanden, der uns über den See ruderte. Als wir mit dem Preis einig waren, verluden wir unsere Velos in das schmale Einbaumboot und zwei kräftige Männer ruderten uns acht Kilometer über den See. Ständig kamen sie während der Fahrt mit neuen Preisforderungen, was uns etwas nervte.

Auf der anderen Seeseite erreichten wir die Provinz Yunan, die wie sich herausstellen sollte in vieler Hinsicht angenehmer als Sichuan zu bereisen war.

Ab hier war die Strasse wieder von bester Qualität und viel weniger Leute riefen uns nach. Am nächsten Tag gab es zwar weitere hohe Pässe, aber die Strasse war viel besser und so konnten wir die Landschaft geniessen. Unterwegs trafen wir erstmals wieder einen Amerikaner, der uns über den weiteren Strassenverlauf informieren konnte.

Der Pass war dann aber doch ein 3000er und so war der Tag dann zwar sonst stressfrei, aber körperlich sehr fordernd. Ab da ging's anderentags 1700 Meter bis zum Jangtse über viel Pflasterstein hinunter. Das bedeutete aber auch, dass es auf der anderen Seite wieder soviel hinaufging. Was zu viel war, war zu viel, weshalb wir dieses letzte Stück beschlossen mitzufahren. In einem Minibus sind wir sicher auf der Passhöhe angelangt und konnten von dort bequem auf bester Strasse in die berühmte Ortschaft Lijiang radeln.


Teil 4 noch in Bearbeitung


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