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Reisebericht Velotour Malawi, Teil 2

Texte

Wende

Vor dem Einschlafen habe ich ziemliches Bauchweh. Ich vermute, dass ich von der Schiffsküche irgend einen „Käfer“ aufgelesen habe. Es ärgert mich nur deswegen etwas, weil wir morgen früh ans Land gehen und eine grosse Strecke mit dem Velo zurücklegen wollen. Zur Sicherheit messe ich noch das Fieber, stelle aber fast keine Erhöhung der Temperatur fest. Ich nehme an, dass die Magenverstimmung am Morgen wieder vorüber sein wird.
Um Mitternacht wache ich auf und fühle mich schlecht. Ich stehe am Geländer und merke, dass ich das Nachtessen nicht mehr lange halten kann. Beim Übergeben kann ich mich gerade noch darauf achten, keine herauslehnenden Passagiere der Economyclass zu treffen. Lange bin ich auch auf der Toilette gesessen und habe währenddessen zwei grosse, unglaublich schnelle Kakerlaken am Boden beobachtet- Der Geruch hat sie offenbar nicht vertrieben.
Wieder messe ich die Fieber. Es ist auf 37.5 °C angestiegen. Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung, aber weil ich morgen fit sein möchte, wecke ich meinen Bruder und frage ihn um einen Verdauungsschnaps.
Nach einer Stunde merke ich aber, dass die erhoffte Besserung noch nicht eingetreten ist. Im Gegenteil. Das Fieber ist auf 37.8° angestiegen. Jetzt verliere ich in Anbetracht des strengen geplanten Tages die Geduld und will ein Antibiotikum schlucken. Das ist zwar das erste in meinem Leben überhaupt, aber ich möchte damit auch herausfinden, ob das Fieber dadurch wieder sinkt. Wenn nicht, wäre dies nämlich ein Indiz für eine mögliche Malaria.
Am frühen Morgen stelle ich aber immer noch keine Besserung fest und liege mit Bauchweh und 38° im Bett. Langsam beginnt mich die Sache ernsthaft zu beunruhigen und ich beschliesse, dass ich nach Verlassen des Schiffes ein Spital für einen Malariatest aufsuchen möchte.
Hannes informiert darüber die Japanerin, welche sich sehr hilfsbereit zeigt. Ein grösseres Spital liegt gemäss unseren Informationen im Gebirge entlang dem Malawisee. Der Weg bis zu dieser Livingstonia Mission ist aber viel zu anstrengend, um in meiner Verfassung zuückzulegen. Deshalb fragt mein Bruder bei den Engländern mit dem Jeep an, ob sie mich zu dieser Krankenstation mitnehmen können. Die Japanerin beschliesst trotz meiner Bedenken, zusammit Hannes diese Strecke mit meinem Fahrrad zurückzulegen. Die schlechte Strasse hinauf zum 900 Meter höher gelegenen Livingstonia ist sicherlich für eine Frau, die seit 20 Jahren nicht mehr auf dem Fahrrad gesessen hat anstrengend.
Beim Verlassen des Schiffes ist das Fieber zwar nicht gesunken, ich fühle mich aber recht gut. Mein Gepäck wird in den Jeep verladen, während ich beim Anschieben helfe. Der Anlasser des alten und schäpprigen Gefährts funktioniert nicht mehr. Wir machen ab, uns im Livingsonia Spital wieder zu treffen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt fast überzeugt, dass der Test eine reine Sicherheitsmassnahme ist.
Nach der Abfahrt merke ich aber, dass sich mein Zustand durch die Vibrationen zusehends verschlechtert.
Da die Engländer sowieso planen, vor dem Ausflug nach Livingstonia einen Abstecher zum Hotel zu machen, in dem sie über Nacht bleiben wollen, entschliesse ich mich an der Abzweigung auf ihre Rückkehr zu warten. Bei mir habe ich nur eine Liegematte, um mich am Strassenrand hinzulegen. Ich versuche mich etwas zu erholen und schleppe mich auf die andere Strassenseite in ein kleines Lokal, wo man mir Tee gibt.
Ein schwarzer Bursche möchte sich mit mir unterhalten.
„What is the name of your father?“ fragt er neugierig. Eine eher ungewöhnliche Frage, ein Gespräch zu beginnen. Ich habe aber kaum die Kraft überhaupt eine Antwort zu geben, sondern bin mit Aufrechtsitzen vollkommen beschäftigt. Der Lokalbesitzer bedeutet ihm, dass ich wohl krank sei und dass er mich besser in Ruhe lasse.
„What is your problem?“ fragt er jetzt. „May be Malaria“, antworte ich knapp, um wieder möglichst ruhig zu atmen. Erstmals glaube ich ernsthaft an diese Möglichkeit. Ich fühle mich derart elend und übel, dass ich merke, nicht mehr länger aufrecht sitzen zu können. „Where is the toilet?“ frage ich, während mir vor lauter Übelkeit Tränen herunterlaufen. „Behind the house“. Die Frau des Besitzers zeigt mir den Weg, den ich schwankend zurücklege. Nach dem Übergeben in das Plumpsklo lege ich mich auf den lehmigen Boden hinter dem Haus. Die Frau bringt mir eine Matratze, eine Decke und ein Kissen und bettet mich ein. Regungslos warte ich da und hoffe, dass mein Bruder die Abzweigung bald erreicht. Wenn ich an die Weiterfahrt mit dem Jeep auf der schlechten Strasse denke, graut mir. Zum Glück verstreicht eine Stunde bis der Jeep an der Abzweigung anhält. Den Motor abstellen kann er nicht, wegen des defekten Anlassers, aber auch aussteigen mag niemand. Die Ernsthaftigkeit meines Zustandes ist ihnen nicht klar, ich habe aber auch keine Lust darüber zu sprechen. Der englische Snobismus dieser Leute stört mich. Langsam stehe ich auf und schreite zum Fahrzeug.
„Are you all right?“ fragen sie ohne wirklich wissen zu wollen, wie ich mich fühle. „OK“ sage ich und konzentriere mich fast verkrampft auf einen regelmässigen, tiefen Atem. Die Piste ist noch schlechter als ich das erwartet hätte. Sie gleicht eher einem Bachbett. Die Haarnadelkurven sind numeriert, von 20 nach unten zählend. Ich erinnere mich, dass gemäss Reiseführer die Kurve 13 besonders schlecht sei. Aber auch diese kann das Allradfahrzeug mit einigen Schwierigkeiten passieren. Doch die folgende Kurve ist zu steil und eng. Der Jeep sitzt auf dem Boden auf, der Motor stirbt ab. Die Engländer schauen sich entgeistert an. Ich frage mich ob sie wirklich zu dumm seien, um zu wissen, dass man ein Fahrzeug auch im Rückwärtsgang anschieben kann. Mit schwacher Stimme schlage ich es vor und versuche dabei möglichst wenig Energie zu verlieren. Alle müssen aussteigen und helfen das Fahrzeug rückwärts den Berg hinunter zu schieben. Ein erster Versuch misslingt. Die Engländer werden unnötig nervös, denn schon beim zweiten Versuch springt der Motor an.
Gegen Mittag erreichen wir endlich Livingstonia. Ich kann nicht glauben, dass das schäbige Gebäude tatsächlich ein Spital sein soll. Mitsamt Gepäck laden mich die Briten aus und sind froh, ihren Job getan zu haben. „You will be all right“, meint aber eigentlich eher: „Now we will be all right.“ Nach drei Minuten ist der Jeep verschwunden.
Im Spital muss ich auf einer Holzbank im Flur warten. Der Boden sieht aus wie in einer Garage. Ich friere. „Do you have a blanket?“ frage ich eine Krankenschwester. „I am sorry, we don’t have,“ bedauert sie.
Jetzt darf ich ins Sprechzimmer zum Arzt. Ein schwarzer, kräftiger Mann stellt sich vor: „I am Doctor Msesea, what is your problem?“
Ich erkläre ihm die ganze Geschichte und frage: „Do you think it is Malaria?“ „May be, I don’t know yet,“ meint er. Er erklärt mir, dass die einzige Möglichkeit zur Behandlung, die sie hier hätten gegen Malaria sei. Ich hoffe beinahe dass ich
das habe, weil sie nur diese einzige Behandlung zur Verfügung haben.
Der Arzt ordnet einen Bluttest an, den die Krankenschwester im Nebenzimmer mit mir durchführt. Auch dieses Zimmer erinnert mich eher an einen Keller, als an ein Spital. Ich friere derart, dass ich schlottere. Jetzt fällt mir ein, dass ich meinen warmen Schlafsack im Gepäck mitführe und hole ihn.
Die Schwester sticht mir mit einer Nadel in den Finger und entnimmt einen Tropfen Blut. Sie tropft aus einer staubigen Flasche irgend eine Flüssigkeit zu meinem Blut und legt ein Deckglas darauf. Mit einem angezündeten Streichholz erwärmt sie die Probe. Auf dem Tisch steht ein uraltes Mikroskop. Ich frage mich, ob das Ganze wohl zuverlässig genug funktioniert. Die Schwester schaut ruhig und lange ins Okular. Ungeduldig will ich wissen, was sie sieht. „Is it Malaria?“ Sie schaut eine Weile besorgt durch das Mikroskop, bevor sie „Yes“ sagt.
„Which one?“ will ich sofort wissen. Sie zögert und sagt dann: „It is - malaria quartana.“ Es gibt nämlich vier verschieArten, wobei eine, die Malaria tropica absolut lebensgefährlich ist, während die anderen, wie quartana meistens harmloser verlaufen.
Sie schreibt ihren Befund auf ein Blatt ohne dass sie ihn mir zeigt und bringt mich rasch zum Arzt zurück, dem sie den Zettel in die Hand drückt. Der Doktor ist sichtlich erschrocken als er ihn liest aber sagt: „We give you some quinine and you will be all right.“ Ich bin etwas verwundert, dass er mir gleich Chinin verordnet, denn ich weiss, dass dieses Medikament wegen der enormen Nebenwirkungen gemieden wird. Ich vermute, dass die Mittel für ein anders Medikament fehlen.
Der Arzt lässt in einem Zimmer ein Bett bereitstellen, das eigentlich nur ein Brett mit einem alten Kissen ist. Im Raum sind noch etwa acht andere Menschen, die alle halb tot scheinen. Zum Glück habe ich meinen eigenen Schlafsack dabei, denn im ganzen Spital gibt es keine einzige Decke. Ich friere jetzt derart, dass ich selbst im zugeschnürten Daunenschlafsack noch schlottere. In sechs Stunden, verspricht mir der Arzt, beginne das Chinin zu wirken. Wer denn für mich sorge, will er wissen. Mahlzeiten und Pflege gäbe es im Spital nämlich nicht. Ich erkläre ihm, dass mein Bruder nächstens im Spital eintreffen werde, um für mich zu sorgen.
Ausser dem immer höheren Fieber, das mittlerweile 40° erreicht hat, fühle ich mich durch die Ruhe wieder etwas besser. Ich warte nun alleine im stillen Zimmer. Nur der eine Patient plappert auf Chichewa, die Sprache in Malawi, immer wieder vor sich hin. Ich glaube er möchte mit mir sprechen. „Hee, chua gurje kulu!“ ruft er. „Shut up“ antworte ich gereizt. Er scheint mich missverstanden zu haben, denn er erzählt mit dümmlich wirkender Stimme: „Hugu belu siwa, qua sumu benge kasungu.“ Jedes Wort und jedes Geräusch schmerzt mich. Ich hoffe, dass mein Bruder endlich ankommt. Immer wieder rechne ich aus, wie lange es noch dauern könnte.
Im Türrahmen bemerke ich etwa fünf Kinder, die mich beobachten und zusammen tuscheln. Sobald ich sie anschaue machen sie sich kichernd aus dem Staub.
Ich schwitze jetzt und öffne den Schlafsack. Das Fieber sinkt bis auf 38° ab und ich fühle mich besser. Der Anfall ist vorbei. Ich bin erstaunt, weshalb das Chinin schon nach drei, statt erst frühestens nach sechs stunden wirkt.
Ein freundlicher Krankenpfleger unterhält sich jetzt mit mir, während ich aufrecht im Bett sitzen kann. Es ist jetzt drei Uhr Nachmittags und Hannes ist immer noch nicht da. Die Japanerin muss wohl langsamer sein, als ich gedacht habe.
Während ich mich frohgemut mit dem Pfleger unterhalte, merke ich, wie ich wieder zu frieren beginne. Plötzlich beginnen meine Beine wie wild hin und her zu springen. Ich kann mich dagegen nicht wehren. „What is this?!“ frage ich den Pfleger beängstigt. Er ruft sofort den Arzt. Dieser rennt in ein Nebenzimmer um eine Infusion zu holen. Die Krankenschwester steckt mir eine Nadel mit der Infusion in den Unterarm. Das Zittern wird immer schlimmer und erfasst allmählich den ganzen Körper. Obwohl mich der Arzt und der Pfleger festhalten zittere ich derart, dass das ganze Bett hin und her geschoben wird. Mir wird klar, dass dies ein neuer Anfall ist und das Chinin noch nicht wirkt.
„Do you think I will die?“ frage ich den Arzt. „No, you will be all right“, lügt er, um mich zu beruhigen. Mein Zustand wird derart schnell schlechter, dass mir bewusst wird, dass ich vermutlich sterbe. Hannes ist immer noch nicht hier und ich versuche mich wenigstens so lange bei Bewusstsein zu halten bis er mit der Japanerin hier ist. Ich stelle mir vor, welch schlechtes Gewissen sonst die Japanerin hätte, so langsam zu sein. Auch denke ich an meine Eltern, und meinen Bruder, wie elend sie sich fühlen müssen, wenn ich in Afrika alleine sterbe.
Tatsächlich kommt er um halb sechs endlich an und ich kann gerade noch schöne Grüsse für zu Hause ausrichten, bevor ich in einen Dämmerzustand falle. Ich höre meinen Bruder den Arzt fragen: „is it Malaria tropica?“, „exactly!“ antwortet er.
Ich liege also schlotternd und atmend wie ein gehetztes Pferd mit zwei Schläuchen im Arm auf einer Liege, während um mich herum ein Arzt, eine Schwester, ein Pfleger, mein Bruder und die Japanerin stehen. Ich höre, wie der Pfleger für mich betet. Mein Bruder will vom Arzt wissen, wie die Chancen um mich stehen. „May be fifty - fifty.“ meint er zögernd. Das beruhigt ihn wohl kaum.
Das Fieber geht jetzt gefährlich an die Todesgrenze von 42° heran. Obwohl ich wie ein Schlosshund friere, werde ich abgedeckt und mit kaltem Wasser begossen. In meinem Delirium meine ich, die Leute wollen mich foltern. Mein Bruder spricht mir ruhig zu, aber ich glaube ihm nicht.
Der Arzt möchte mir eine Spritze verabreichen, vermutlich um das Fieber zu senken, aber durch meine ständigen Bewegungen, die wie ein epileptischer Anfall wirken, kann er die Spritze nicht ansetzen. Ich fühle mich von allen unangenehm beobachtet, weil ich weiss, dass sie darauf warten, bis das Zittern endlich aufhört, um die Nadel zu setzen. Mein Puls und Atem sind rasend. Ich kämpfe mit voller Kraft gegen die unkontrollierbaren Bewegungen und fordere den Arzt auf, endlich zuzustechen. Aber offenbar will er das gar nicht. Alle schauen nur sorgenvoll auf mich und schweigen.
Mit einem riesen Strahl übergebe ich mich und treffe sowohl meinen Schlafsack als auch einige Leute um mich herum. Obwohl ich nur noch halb bei Bewusstsein bin, ist mir die Sache ungeheuer peinlich. Ich entschuldige mich unentwegt, während die Japanerin und auch die andern beginnen, alles im Eiltempo zu reinigen und mich in den Schlafsack meines Bruders hüllen.
Dann versinke ich in ein Koma, aus dem ich zu Beginn noch einige Male erwache „Hannes, die wollen uns umbringen“ fantasiere ich. Er versucht mich zu beruhigen, aber ich verstehe ihn nicht mehr. Jetzt scheint alles eher wie ein böser Traum zu sein und ich bin mir nicht mehr bewusst, was geschieht. „Das ist wohl das Ende,“ denke ich und gebe den Kampf gegen die Krankheit auf.

Erwachen


Beim Aufwachen merke ich, dass mein Bruder und die Japanerin, Junko heisst sie, mich erleichtert anschauen. Ich habe keine Ahnung was hier los ist. Wo bin ich überhaupt? Ich fühle mich wie beim Erwachen aus einem Winterschlaf. Mein Bruder will mir etwas erklären, aber ich merke, dass ich ihn fast nicht hören kann. Statt dessen pfeift es in meinen Ohren auf allen Tonlagen. Ich fordere ihn auf lauter zu sprechen, höre mich aber selbst kaum. Langsam verstehe ich, dass ich soeben aus einer Bewusstlosigkeit, verursacht durch eine Malaria tropica, erwacht bin. Alle scheinen sichtlich erleichtert, dass ich noch am Leben bin.
Ich bin dagegen erstaunt. Denn was ich in der Zwischenzeit erlebt habe, hat nichts mit Leben zu tun. Eine Erfahrung, die ich auch nicht meinem schlimmsten Feind wünschen würde. Zu unbeschreiblich um auf Papier zu bringen. Jedenfalls bin ich heilfroh wider in einem anderen Zustand zu sein. Dieser kann allerdings immer noch als höchst jämmerlich umschrieben werden.
In der Zwischenzeit bin ich von Livingnach Mzuzu, ein grösserer Ort in Nordmalawi, verlegt worden. Mein Bruder hat dort einen Transport mit einem Wagen organisieren können. Durch einen Zufall hat sich ein Wagen im Ort befunden , den Hannes zu einem Wucherpreis mietete. Der Arzt befürchtete meinen Tod und wollte die Verantwortung nicht mehr auf sich nehmen. Gegen elf Uhr nachts, wie mir Hannes erzählt, legte man mich auf dem Rücksitz quer über meinen Bruder, die Japanerin und einen Krankenpfleger, der die Infusionsflasche über mir gehalten hat. Einmal hätte ich aufgehört zu atmen und mit verdrehten Augen nach oben gestarrt. Da hat Hannes gedacht, dass es vorbei sei. Er hat sich wohl vorgestellt, wie es ist, ohne Bruder wieder alleine aus Afrika zurückzukehren. Was wohl aus der Familie werde.
Trotzdem hat er rasch und mit kühlem Kopf richtig gehandelt. Nach der dreistündigen rasanten Fahrt, bei welcher der Fahrer in keiner Weise auf Materialverluste am Wagen Rücksicht genommen hat, begab sich Hannes in der nächsten freien Minute zu einem Telefon, was sich als schwierig und extrem teuer erwies. Sofort rief er unseren Bruder Matthias, ein Arzt, zu Hause an. Er informierte ihn über meinen lebensbedrohenden Zustand und hiess ihn sofort der Rettugsflugwacht anzurufen. Die Rega hat unglaublich schnell und gut reagiert. Die Länge und den Zustand der Landepiste wollten sie wissen, damit sie einen Rettungsjet hinschicken können. Sofort haben sie in Johannesburg (Südafrika) ein Flugzeug organisiert, das mich so rasch wie möglich in einen guten Spital bringen könnte.
Zu Hause wurden die Eltern von der Hiobsbotschaft aus dem Schlaf gerissen. Sicher eine der schlimmsten Nächte für sie.
Herr Roggenmoser von der Rega wollte von meinem Bruder wissen, ob die medizinische Versorgung im Spital bei Mzuzu sichergestellt sei. Dazu musste er einige Dinge wissen, wie die Medikation sei, und ob eine Infusion gesteckt worden sei. Man kann nämlich gegen eine Malaria tropica auch heute in einem top modernen Spital nichts mehr gegen den Tod tun, wenn diese Massnahmen versagen.
Eine kurze Zeit später stellte man fest, dass sich mein Zustand stabilisiert hat. Ein Rega Einsatz hätte in diesem Fall nichts genützt. Es wäre zu spät gewesen, wenn das Chinin nicht geholfen hätte.
Ich bin im Moment noch so schwach, dass ich den Kopf nicht selber heben kann.
Als der holländische Arzt auf Visite kommt, kann ich ihn fast nicht verstehen. Er erklärt mir, die Schwerhörigkeit mit dem Ohrensausen sei eine der Nebenwirkungen vom hochgiftigen Chinin. Auch heute Morgen noch sei mein Malariatest positiv. Aber das bedeute nichts Schlimmes, denn bis die Erreger im Blut nicht mehr zu sehen sind dauert es eine Weile. Das Chinin habe jedenfalls gewirkt, sonst würden wir nicht zusammen sprechen, meint er. Das Chinin schädigt leider aber auch die Leber und verursacht andere unangenehme Nebenwirkungen.
Ständig muss ich mich übergeben, obwohl mein Magen längst leer ist. Im Mund habe ich einen bitteren Geschmack und rauhe Zähne vom Chinin. Die Japanerin pflegt und reinigt mich, trotz meines fürchterlichen Gestankes, durch den ich selbst kaum durch die Nase atmen kann. Ihre Hilfsbereitschaft ist beispielhaft. Ihr starker Charakter beeindruckt mich tief. Aber trotz dem schlechten Zustand bin ich froh und erleichtert, weil ich weiss, dass es nichts Schlimmeres geben kann, als das, was ich schon erlebt habe.





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