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Reisebericht Velotour, Teil 1

Reisen > Malawi

Einige Stunden Malawi


Es wird Abend. Die Landstrasse zwischen Cape Mc Lear und Monky Bay ist staubig aber nur wenig befahren. Allerdings ist man, wie so oft in Malawi nur selten alleine auf der Strasse. Immer wieder gehen Schwarze mit Eimern, Körben oder Holz auf dem Kopf vorbei. Wenn sie uns sehen, bleiben sie stehen und schauen uns verwundert an. Andere haben ein schwarzes Fahrrad mit einem einzigen Gang, auf dem sie manchmal eine für uns schier unglaubliche Fracht transportieren. Holzstapel, Hühner, Ziegen, selbst ganze Türen mitsamt Türrahmen werden auf den Gepäckträger geladen. Auch sie grüssen uns freundlich und bleiben am Weg stehen. Wir möchten heute die Nacht im Zelt verbringen und nicht nach Monky Bay fahren, da es dort kein Hotel gibt, das wir uns zumuten möchten. Letzte Nacht haben wir nämlich dort in einem Hotelzimmer übernachtet, das an Hässlichkeit fast nicht überbietbar ist.
Mitten in der Nacht hat jemand wie wild an die Türe gepoltert, bis ich ihm öffnete. Dann hat er trocken bemerkt, dass er die falsche Türe erwischt hat, was ihm aber, ganz im Gegensatz zu mir, offensichtlich nicht sonderlich leid tat.
Zwischen den beiden Orten, die etwa 25 Kilometer auseinander liegen wäre das Geände für eine Übernachtung im Zelt sehr geeignet. Die vielen Hügel sind mit lockerem Wald und hohem Gras bewachsen, was viele Verstecke bietet. Die Baobabbäume bei der Strasse wirken in der Abendstimmung besonders stimmungsvoll. Hannes und ich halten Ausschau nach einem geeigneTerrain, das einige Bedingungen erfüllen sollte. Der Zeltplatz sollte einigermassen eben sein, der Boden weich genug für Häringe, aber auch gemütlich, möglichst mit guter Aussicht. Andererist es besonders wichtig, dass er geschützt ist vor Wettereinflüssen aber vor allem vor dem Gesehenwerden.Und gerade letzteres wird an diesem Abend ein Problem. Wo auch immer wir stehen bleiben, um in die Büsche zu verschwinden sind Menschen an der Strasse, die uns interessiert zuschauen. Wir können warten, solange wir wollen. Sobald die zwei Herren mit dem Holzstapel auf dem Rad das Interesse an uns endlich verloren haben und weitergefahren sind, steht schon wieder ein anderer Junge mit einer Hacke am Weg und betrachtet uns stumm. Natürlich würde uns dieser eine Junge nicht stören, aber aus Erfahrung wissen wir, dass sich dieser Junge im Verlauf von kurzer Zeit auf seltsame Art vervielfachen würde, bis wir uns schliesslich von einer riesigen Schar von Menschen umzingelt sähen.
Schliesslich, so gegen 18 Uhr, während die Sonne schon langsam rot wird, und sich in die warme Luft hinter den Bäumen legt, wird die Strasse einsam genug, dass wir in einem günstigen Moment die Gelegenheit ergreifen und auf das Kommando „Los“ mit samt dem Fahrrad uns in einen kleinen Fussweg stürzen, der links von der Strasse wegführt. Eiligst folgen wir dem von hohen, trockenem Gras überwachsenen Pfad bis wir von der Strasse aus nicht mehr sichtbar sind. Mit etwas mehr Ruhe können wir uns den geeignetsten Zeltplatz aussuchen, wobei aber auch hier die Zeit wegen der untergehenden Sonne drängt. Hinter einigen grossen herumliegenden Granitblöcken entfernen wir auf einer Fläche von zwei mal zwei Meter das mannshohe Gras, um das Zelt in dieser Lücke zu errichten. Während Hannes diese Arbeit übernimmt, beginne ich den Petrolkocher in Betrieb zu nehmen. Der Kocher funktioniert am besten mit bleifreiem Benzin, tut aber seine Dienste auch mit Petrol meistens überraschend gut. Mit „meistens“ meine ich auf einer geringen Höhe und wenn die Aussentemperatur nicht zu tief liegt. Sonst brennt er statt mit einer fauchenden blauen Flamme mit einer stinkenden gelben Flamme, die das Kochgeschirr schwärzt.
Damit wir nicht gesehen werden versuchen wir möglichst wenig Licht auszusenden. Taschenlampen verwenden wir nur im Zelt. Unsere Kerzenlampe scheint aber mit zunehmender Dunkelimmer heller in die stockdunkle Nacht hinaus. So dunkeln wir auch diese ab und stellen sie so hinter die Granitblöcke, dass kein Strahl von der Strasse aus zu sehen ist, und dass auch der Widerschein an den Bäumen möglichst gering ist. Tatsächlich wird dies die einzige Übernachtung ohne einen Zuschauer. Die Ruhe ist überwältigend ja beinahe unheimlich. Ein leichtes Unehagen bleibt in meinem Hinterkopf, weil wir in dieser Gegend, wo es doch einige Touristen gibt, ein paar seltsame Gestalten gesehen haben, die mit Touristen Geld machen wollen. Die Abgeschiedenheit unseres Standortes hat den Nachteil, dass ein Überfall völlig unbeausgeführt werden könnte. Genau an diesem Ort sollte später eine schweizer Velotouristin in ihrem Zelt ausgeraubt und umgebracht werden. Ob wir das schon vorausgeahnt haben?
Vor Tagesanbruch, um 5.30 Uhr, geht unsere Alarmuhr ab. In aller Stille frühstücken wir vor dem Zelt. Die Luft ist noch kühl aber am Morgen windstill. Beim ersten Licht ziehen wir die Häringe aus dem Boden und das Zelt beginnt in sich zusammenzusinken. Wie jeden Morgen wird alles Material an einen genau bestimmten Platz in eine der Velotasche verstaut. Es ist fast schon ein Ritual. Gegen 7 Uhr stossen wir unsere Fahrräder wieder dem schmalen Weglein entlang hinunter zur Strasse. Nur noch die Spuren unserer Fahrräder und die geräumte Fläche für unser Zelt zeugen von diesem Ereignis.
Vom Übernachtungsort bis nach Monky Bay sind es noch etwa 10 Kilometer. Eine kleine Höhe, die zu überwinden ist, hilft uns warm zu werden. Zwei Kilometer vor der Ortschaft mündet der Weg in eine asphaltierte Strasse. Gestern hatte ein Transport einen Sack Maiskörner verloren, die verstreut auf der Strasse lagen. Drei Frauen haben die Körner zusammengewischt und eingesammelt. In Mawird alles wiederverwendet.
Um 7.30 Uhr treffen wir im kleinen Hafen am Ende der Asphaltstrasse ein. Durch einen Hintereingang dürfen wir die wartende Menge umgehen und gelangen zu einem kleinen Büro. Dort werden uns die vorbestellten Billette ausgestellt. Wir haben eine Kabine der ersten Klasse gebucht. Die Reservation hat erstaunlicherweise ohne Probleme geklappt. Ein Economyclass-Ticket wäre zwar ungleich viel billiger aber wohl in Anbetracht der langen Reisezeit eine ziemliche Tortur.
Das Schiff Ilala sollte eigentlich die Bucht um acht Uhr verlassen. Es wird uns aber sofort klar, dass es noch Stunden bis zur Abfahrt dauern kann. Um acht sind zwar bereits die ersten Büros offen, aber noch keine Billette verkauft. Wir setzen uns vor dem Büro auf eine Stufe und warten in der wärmenden Morgensonne. Alle scheinen zu warten. Nur wissen wir nicht worauf. Es warten vor dem Büro auch noch ein deutscher Mann und eine Frau, die uns etwas unterkühlt und arrogant vorkommen. Eine nicht mehr ganz junge Japanerin steht mit einer spiegelnden Sonnenbrille auch da und schaut sich um. Niemand spricht miteinander. Man ist sich hier nicht gewohnt andere als schwarze Menschen zu treffen. Ein gewisser Argwohn ist zu spüren. Zwei englische ältere Paare treffen ebenfalls hier ein. Ihr Jeep soll auf das Schiff verladen werden.
Ausserhalb des Stachelzauns wartet eine grosse Menge Menschen vor den Billettschaltern. Es sind Männer, Frauen und Kinder allen Alters mit einer unglaublichen Menge Gepäck. Da sind zugeschnürte Kartonkisten, geflochtene Körbe voll Hühner oder Tomaten, unförmige mit Stricken zusammengeschnürte Verpackungen, Mehlsäcke und Holzbretter. Mitten in der Menge drei lausig gekleidete Travellers mit Haaren als wären sie seit Jahren weder gegekämmt noch gewaschen. Anstelle von Hunden streunen in Monky Bay Paviane zwischen den Häusern und Hafenanlagen herum. Mit einem riesigen Satz können sie den Zaun vom Hafengelände überspringen und schon mit dem nächsten kühnen Sprung sind sie auf einem Hausdach. Die Menschen in der Nähe, und auch mich mit meiner Kamera, scheinen sie zu ignorieren, solange sie sich unbeobachtet fühlen.
Nach zehn Uhr dürfen wir zum Schiff am eisernen Dock gehen. Die Puztmannschaft ist immer noch mit iher Arbeit beschäftigt, als wir unsere Gepäckstücke vom Fahrrad abzuschnallen beginnen. Unsere Kabine befindet sich im oberen Stockwerk. Die Fahräder müssen wir durch eine schmale, steile Treppe nach oben befördern.
Ein Angestellter erlaubt uns die Fahrräder am Geländer in der Nähe unserer Kabine anzubinden. Die Kabine ist recht geräumig und sauber. Der Wasserhahn im Zimmer funktioniert allerdings nicht. Ein freundlicher Mann will sich um die Sache kümmern. Es ist schwierig das Schiffspersonal zu erkennen weil sie mangels Geld keine Uniform tragen. Während wir uns in der Kabine einrichten und froh sind, endlich unsere Sachen wieder einmal etwas ausbreiten zu können, wird in der Schiffsküche gezimmert und gehämmert. Viel Zeit vergeht, wesentliche Fortschritte sind aber keine festzustellen. Die anderen Passagiere sind auch um 13 Uhr immer noch am Warten bei den Schaltern. Man erklärt uns, die Crew müsse erst ihren Lohn erhalten bevor sie weiterarbeitet. Jedesmal wenn wir fragen wann das Schiff ablegt, versichert man uns, dass jetzt alles bereit sei und wir spätestens in einer Stunde abreisen können.
Unsere Fahrräder sollen wir wieder losbinden und etwas nebenan befestigen, erklärt uns ein anderer Angestellter. Freundlich willigen wir ein.
Schliesslich etwa um zwei Uhr beobachten wir vom Schiffsgeländer her die losgelassene Menge an Menschen, wie sie das Economyclass Deck stürmen. Jeder versucht möglichst rasch durch irgend ein Fenster oder zwischen den Geländerstangen so viel Gepäck wie möglich ins Schiffsinnere zu befördern, um sich so einen Platz zu sichern. Der Jeep wird jetzt endlich auch mit dem Schiffskran auf den Bug geladen. Der Schiffsbauch füllt sich immer mehr mit Menschen, Tieren und Gütern. Man staune, wie das alles hineinpasst. Endlich, gegen 15 Uhr, legt das Schiff ab. Die Kabinenpassagiere, das sind etwa 16 Leute, haben die oberen zwei Stockwerke fast für sich alleine. Alle stehen am Geländer und beobachten, wie sich das Dock langsam entfernt. Zu den Kabinenpassagieren kommen noch einige Touristen, unter anderem auch die drei Verlausten, die sich auf dem Deck aufhalten dürfen.
Ein weiteres Mal werden wir aufgefordert, die Fahrräder doch wieder zu entfernen und an einer dritten Stelle zu parkieren. Wir befolgen auch dieses.
Unten drängen sich unter Platzmangel 500 Menschen dicht an dicht mit Gepäck. Ohne Aufpreis hat niemand Zutritt zum Sonnendeck. Im Reisebuch lesen wir einige Daten über die Ilala nach: Die maximal erlaubte Passagieranzahl der Ilala liege bei 300. Aber das wird vom Schiffspersonal nicht an die grosse Glocke gehängt. So wenig wie der Umstand, dass nur einer der zwei Schiffsmotoren funktioniert. Der Maschinist zeigte mir vor Abfahrt stolz die zwei Motoren. Die Information über den Defekt erhalten wir aber von einer weissen Lehrerin in Malawi. Die Verspätung wird durch die langsamere Reisegeschwindigkeit laufend grösser.
Auf dem Sonnendeck sitzen die Leute lustlos herum und betrachten die langsam vorbeiziehende Küste. Die Vorätze, was ich alles unternehmen könnte in einer freien Stunde verschiebe ich in die Sonne blinzelnd auf später.
Für die Gäste der ersten Klasse wird in der Schiffsküche dreimal pro Tag ein aufwändiges Essen gekocht. In einem kleinen Speisesaal stehen fünf Tische und etwas geschmacklose Stühle. Der Kellner serviert mit weissem Hemd und schwarzer Fliege, immer mit einer freundlichen Miene. Die Gäste werden mit einem Wirbel auf einer Buschtrommel zu Tisch gebeten. Bei jeder Malzeit erklingt ein anderer Rhythmus. Wer weiss, vielleicht kann man so bereits das Gericht erraten. Mit uns am Tisch sitzen auch die zwei Deutschen. Achim und Kathrin heissen sie. Achim, der uns durch sein schwarzes Jackett am Hafen arrogant erschienen ist, stellt sich als nett heraus. Kathrin ist seine Cousine, die mit ihm für zwei Monate durch Afrika reist. Nachher muss sie wieder zurück, er bleibt aus geschäftlichem Anlass.
Ebenfalls zu uns setzen sich zwei Engänderinnen, ich schätze so Mitte 20. Sie haben beide im Rahmen eines Entwicklungsprogramms in Malawi an einer Art Sekundarschule unterrichtet. Während die ziemlich hübsche, etwas rundliche Sue die Erfahrung in Afrika als Bereicherung empfand, hat Barbara weniger Positives zu berichten. Die recht grosse Frau ist ziemlich hager, ihr Gesicht hat offenbar durch die Strapazen gelitten. Die Haut ist etwas unrein. Alles was sie erzählt klingt negativ und zynisch. Nichts sei brauchbar in dieser Schule, weder Schulmaterial sei vorhanden, noch Schüler, die irgend einen Schimmer von Wissen hätten. „Die lernen’s nie“ meint sie resigniert.
Nach dem Nachtessen gehen wir noch ein bisschen auf das Oberdeck. Hannes experimentiert mit unserer Mamija Mittelformatkamera. Ich setze mich mit den Engländerinnen zu vier anderen Travellern, alle aus Grossbritannien.
Die Witze, die fallen werden mit zunehmendem Alkoholpegel der Engländer für mich unverständlicher. Soviel ist klar: das Niveau sinkt bedenklich tief.
In der Nacht überquert das Schiff den Malawisee. Während wir bereits in unseren gemütlichen Betten am schlafen sind, beginnt das Schiff immer mehr zu schaukeln. Zuerst höre ich meinen Rasierschaum zu Boden fallen, der auf dem Lavabo gestanden ist. Innert weniger Minuten wird der Wellengang immer stärker, so dass jetzt auch grössere Gegenände vom Nachttisch zu Boden fallen. Ich schalte die kleine Lampe über dem Bett ein, um nachzusehen. Nichts ist mehr auf dem Tisch, Flaschen, Kameras, Früchte und Zimmerschlüssel, alles liegt irgendwo unter dem Bett. Stehen ist kaum noch möglich und beim Gang auf die Toilette neben unserer Kabine wird mir speiübel. Schnell lege ich mich wieder ins Bett, weil mir so am wenigsten schlecht wird. Tatsächlich schlafe ich, obwohl ich manchmal fast aus dem Bett falle, wieder ein.
Das Schiff hat unterdessen beinahe einen Tag Verspätung, die durch den Motorenausfall und die Wartezeiten in den Häfen laufend grösser wird. In einem Hafen in Nkata Bay wird ein ganzer Bahnwagen voll Maismehlsäcke von Hand ins Schiff geladen. Das dauert etwas mehr als vier Stunden, die wir für einen Fussmarsch in dieser kleinen Hafenstadt benutzen. Über dem Wasser schweben schwarze Wolken, die wie uns gesagt wird, aus einzelnen Fliegen bestehen. Der Schiffskapitän hat uns erzählt, dass diese Fliegen mit grossen Netzen gefangen werden, um sie zu verspeisen, was ausserordentlich gesund sei. Normalerweise schweben diese Schwärme über dem Wasser vor der Küste. Aber ausgerechnet heute treffen sie auf Nkata Bay. Von einer Minute auf die andere wimmelt es plötzlich von kleinen, blonden Flieglein, die man durch Unachtsamkeit ohne weiteres einatmen könnte. So schnell die Wolke auf den Ort getroffen ist, so schnell ist sie auch wieder verschwunden und nur einige tote Fliegen auf dem Tisch eines Restaurants, wo wir essen, zeugen vom Ereignis. Ich esse aber nicht so viel, mein Magen fühlt sich etwas komisch an, ich vermute durch das ständige Schaukeln.
Am Nachmittag legt das Schiff wieder ab. Wie üblich stehen dann viele Menschen an der Reling und beobachten das Geschehen. Neben mir steht die Japanerin mit der Spiegelbrille. Rasch finde ich heraus, dass sie eine ausserordentlich interessante und sympathische Frau ist. Für Japaner ist es höchst ungewöhnlich nach Afrika zu verreisen und erst recht für eine alleinreisende Frau. Die verheiratete Mittvierzigerin hat zwei Kinder. Wir haben interessante und offene Gespräche. Erstaunlich viel habe ich ihr von mir erählt. Vermutlich ist es einfacher, jemand aussenstehendem von sich zu erählen, weil diese Person absolut nicht in die Sache verwickelt ist.
Ohne dass wir es merken, kommt die Dunkelheit über das Wasser. Die Sympathie, die zwischen uns vorhanden ist empfinde ich als freundschaftlich.

Weiter im Teil 2 mit einer dramatischen Wende....


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