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Schülerinterview

Reisen > China

Mit dem Velo quer durch China

Michael Brühlmeier, Geografielehrer am Gymnasium Immensee, und sein Bruder Hannes, Maschineningenieur in Zürich, durchquerten während hundert Tagen China mit dem Velo. Die 5600 km lange Strecke führte sie von Peking westlich durch das Lössgebirge bis Lanzhou im Zentrum des Landes. Von dort radelten sie südlich gegen den Himalaja und durchquerten tibetisches Nomadengebiet. Im gebirgigen Südwesten des Landes begegneten sie vielen ethnischen Minderheiten. Nach dem Besuch von Kunming, der Partnerstadt von Zürich, reisten sie weiter nach Vietnam. Im tropischen Hanoi endete ihre abenteuerliche Reise kurz vor Ende der Herbstferien. Am Gymnasium stellten Schülerinnen und Schüler nach der Rückkehr Fragen zur Reise.

Sch: War es eine anstrengende Reise?

B: Klar, auch körperlich kamen wir manchmal an unsere Grenzen. Nebst den vielen Kilometern kamen noch 42'000 Höhenmeter dazu, die wir mit unseren 55 Kilo schweren Velos schaffen mussten. Mit der Zeit waren wir aber bei guter Kondition, hingegen war es oft mental anstrengend.

Sch: Was meinen Sie damit?

B: Einerseits war es schwierig, weder zu verstehen noch verstanden zu werden. Manchmal trafen wir mehrere Wochen niemanden, der Englisch sprach. Anderseits sind westliche Velofahrer in China sehr exotisch. In der Provinz Sichuan war das besonders ermüdend. Dort sind momentan fast alle Strassen auf der gesamten Länge im Bau und ohne Belag. Das hiess fur uns, dass wir auf einer 500 km langen Baustelle Tausenden von Arbeitern begegneten. Jeder rief uns „Laowai“ (=Ausländer) nach, viele mit einer verstellten Stimme wie ein Papagei. Wenn wir dann etwa mit einem „Hello“ zurückgrüssten, brach die ganze Menge in brüllendes Gelächter aus.

Sch: Heisst das, die Chinesen waren nicht nett?

B: Doch, im persönlichen Kontakt waren sie fast immer freundlich. Wir waren für sie aber eher etwas wie eine seltene Vogelart, von der man sich Aufmerksamkeit holen will. Man hält China für das Reich der Mitte und den Rest der Welt für barbarisch, weshalb wir oft etwas respektlos behandelt wurden.

Sch: Wie war das Essen?

B: Man kann in China in jeder kleinen Ortschaft hervorragend essen. In jeder Region ist die Küche verschieden. So gibt es zum Beispiel im Norden vorwiegend Nudelgerichte und in Sichuan wird scharf gegessen. Die bei uns bekannte chinesische Küche trifft man nur in Kanton. Weil es so heiss zubereitet wird, hatten wir auch wenig Probleme mit der Verdauung.

Sch: Werden in China tatsächlich Hunde gegessen?

B: In China sieht man wenige Hunde auf der Strasse, wohl weil die meisten in der Pfanne landen. Allerdings ist Hund eher eine Spezialität, wie fritierte Wespen etwa, die man uns auftischte. Nach den bösen Erfahrungen mit den tibetischen Hunden, stellte ich mir manchmal aus Rache einen solchen in meinem Teller vor.

Sch: Was war denn mit den tibetischen Hunden?

B: Tibetische Hunde sind regelrechte Bestien. Aus der Ferne sind sie nicht von einem jungen Yak zu unterscheiden. Während Yaks stehen blieben, stürmten aber die Hunde auf uns los, rannten bellend neben unseren Waden, knurrten und fletschten die Zähne. Ein Tibeter bestätigte uns stolz, dass die Hunde beim Zubeissen nicht zögern. Wir erwogen deswegen die Route aufzugeben, bevor uns die Idee mit den Schirmen kam.

Sch: Und was war das für eine Idee?

B: Wir kauften je zwei Schirme, schweissten die Schirmgriffe mit unserem Kocher zusammen und befestigten diese Halterung unter dem Sattel, so dass wir bei Bedarf beidseitig Schirme montieren konnten. Die Wirkung war verblüffend: Tatsächlich kamen die Hunde nicht mehr nahe an uns heran. Mehr noch, die Meisten blieben verdutzt am Strassenrand sitzen, offenbar beeindruckt von unserem aufgeplusterten Erscheinen.

Sch: Sonst war es für Sie nie gefährlich in China?

B: Kriminalität existiert in China noch sehr wenig, es gibt dafür auch drakonische Strafen. Der Verkehr ist allerdings sehr gefährlich. Viele Chinesen fahren grundsätzlich so schnell wie physikalisch möglich. Wer bremst ist feige. Deshalb hupen Lastwagenfahrer fast ununterbrochen auf ihrem ohrenbetäubenden Horn, was uns ziemlich am Nerv sägte. Obwohl wir zahlreiche Unfälle gesehen haben, war es für uns aber nie lebensgefährlich. Dies wohl deshalb, weil chinesische Velofahrer oft unerwartete Schwenker machen, weshalb man Velos mit grossem Abstand überholt.

Sch: Wie erlebten Sie die Polizei?

B: Zu uns waren die Polizisten immer sehr freundlich. Nie hatten wir in China das Gefühl, dass Polizisten korrupt sind. In einer kleinen, hässlichen Stadt hatten wir allerdings ein Problem: In der Nacht erschien die Polizei mit Übersetzern in unserem Hotelzimmer. Nach dem Verhör wurden wir mit einer hohen Busse belegt, weil wir in eine Stadt eingereist waren, die für Ausländer geschlossen ist. In China will man den Ausländern nur das Schöne zeigen. Es gab für uns aber keine Möglichkeit zu erfahren, welche Städte geschlossen sind.

Sch: Ist China ein teures Reiseland?

B: Ein ausgezeichnetes Essen kostet je nach Region zwischen einem und vier Franken pro Person. Ein mittleres Hotel kostet 5 bis 10 Franken pro Person. Touristische Sehenswürdigkeiten sind aber extrem überteuert. Der Eintritt in einen schönen Nationalpark kostete 50 Franken, ein halbes Vermögen für einen Chinesen.

Sch: Was hat Ihnen am besten gefallen in China?

B: Landschaftlich war die Durchquerung des Tibetischen Berglandes wunderbar. Einmal wurden wir von tibetischen Nomaden zum Übernachten in einer Jurte eingeladen. Im Zelt wurde uns mit einfachsten Mitteln ein ausgezeichnetes Essen zubereitet. Auch die freundlichen Minderheiten im Südwesten Chinas mit ihren farbigen Trachten sind unvergesslich. Die Stadt Lijiang in demselben Gebiet ist eine wahre Perle.

Sch: Und was gefiel Ihnen am wenigsten?

B: Manche Chinesen, vor allem jüngere Männer, benehmen sich rüpelhaft und laut, besonders das Spucken in Räumen fand ich ekelhaft. Am meisten hat mich aber deprimiert, wie skrupellos die Natur dem rasenden Fortschritt geopfert wird. Die Abfallberge und die Luftverschmutzung sind jenseits jeder Vorstellung. Es kann uns schon wegen der Grösse Chinas nicht egal sein, was dort gemacht wird.

Sch: Können Sie China als Reiseland empfehlen?

B: China ist sicher eines der schwierigeren Reiseländer, nur schon wegen der Sprache. Aber auch der kulturelle Unterschied ist riesig. Manche Reaktionen, wie das ständige Lachen, auch in ernsten Lagen, ist für uns schwer nachvollziehbar. Mit dem Velo ist man sehr exponiert. Es wäre sicher angenehmer, mit einer geführten Gruppe zu reisen. Ich empfehle deshalb, zuerst an unser Diashow zu kommen, die wir im Frühjahr auch am Gymi zeigen werden.


Sch: Was wird Ihre nächste Reise sein?

B: Im Moment bin ich vom Reisen etwas übersättigt. Ich freue mich, unsere Schweiz, die landschaftlich und kulturell so viel Schönes bietet, nächstes Jahr noch genauer zu erkunden.


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