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Warum ich reise

Texte

Unterwegs sein

Am heutigen Tag fühle ich mich ruhig und nicht zum Tun gedrängt, und gerade deshalb will ich es mir leisten, darüber zu schreiben, was mich im Leben vorwärts treibt.

Wie viele Fahrradtouren habe ich schon unternommen, unzählige kleine und auch lange Strecken an entlegene Winkel dieser Erde. Oft habe ich auf dem Fahrrad gesessen und mir die Frage gestellt: „Warum wohl, warum mache ich dies bloss? Was treibt mich immer wieder dazu, auf den schmalen Sattel zu steigen und loszutreten in die Welt hinein?“ Nein, ich bin kein Sportverrückter, und ich glaube, nur um mir beweisen zu müssen, was ich zu leisten im Stande bin, reicht als Erklärung nicht aus.
Ich erinnere mich dabei an einen Moment in Australien, unterwegs zusammen mit meinem Bruder. Als er zwischen den grünen Ästen der Bäume, weit oben in unser Blickfeld geriet, glaubte ich zuerst an eine Sinnestäuschung, bis deutlich wurde, dass wir dort hinauf mussten, was ich zuerst für rotes Laub oben in den Baumwipfeln hielt. Der rote, steinige Fahrweg war so steil, dass wir es kaum schafften, genügend Tritt beim Schieben zu fassen, um nicht wieder vom Gewicht des Velos hangabwärts gezogen zu werden.
Das Schieben des enorm schweren Velos
mit Gepäck war so ermüdend, dass ich alle paar Schritte keuchend stehen blieb, während mir der Schweiss über die Nase nach unten lief und die Augen davon zu brennen begannen. Australier bewältigen diese Strecke mühelos mit einem Allradfahrzeug und erheben ihre braunrot gebrannten massigen Hände zum freundlichen Gruss beim Passieren der zwei Velofahrer, die im Rückspiegel im Staub der Strasse verschwinden.
Natürlich ist es nicht das, was ich am Reisen mit dem Velo liebe. In solchen Momenten wünschte ich mir oft, das Velo möge einen kleinen Motor besitzen, der mich den Hang hinaufbefördert, oder ich stelle fest, dass ich doch eigentlich genügend Geld besässe, um mit einem Harley Davidson, am überbreiten Lenker hängend, die Passstrasse in bequemem Ledersessel hinter mir zu lassen. Oder bin ich vielleicht einfach zu geizig dafür? Hindern mich innere Schranken daran, vielleicht die von meiner Grossmutter vererbte Sparsamkeit, Ferien zu machen wie die meisten anderen Mitmenschen auch? Oder habe ich den inneren Zwang, anders zu sein als jene, die es sich im Leben einfach machen? Oder einfach anders zu sein, damit man sieht, dass ich hier bin auf dieser Welt? Vielleicht. Und gleichzeitig gibt es dieses Gefühl von Sehnsucht, das mich seit meiner Kindheit immer wieder packt, nur schon dann, wenn ich eine Strassenkarte sehe. Wieso interessiere ich mich für Strassenkarten, obwohl ich Strassen gar nicht sonderlich mag? Ich mag lieber Blumenwiesen und üppige Wälder, Berge in schönem Sonnenlicht und kleine blaue Seen, wie viele andere Menschen auch. Vielleicht weil Strassen an jene Orte führen und daran vorbei, an Orte, die schöne Erinnerungen wachrufen. Orte, die nur im Gefühl vorhanden sind, aus dem Gedächtnis jedoch bereits verschwunden sind oder vielleicht gar nie da waren. Aber wie selten sind die Momente, in denen ich sie gefunden habe, jene Oasen des Friedens und der Harmonie. Gibt es sie etwa nur in meiner Vorstellung, und die Erinnerung verklärt jene Orte zu dem, was ich mir wünsche?
Und trotzdem ist es ein majestätisches Gefühl, mit dem vollbepackten Velo loszufahren, träge zu lenken, leise rollend, langsam hinaus in eine unbekannte Welt, in der es vielleicht einen Ort gibt, den ich schon immer gesucht habe. Ja, es gibt Orte,
wo ich mit dem Velo angelangt bin, die dieser inneren Vorstellung, der Sehnsucht und Weite nahe kommen. Ich erinnere mich an einen Abend, wir hatten eine lange Strecke über eine Hochebene mit ausgedehnten Wiesen zurückgelegt. Ein tibetischer Nomade auf seinem weissen Pferd hat meinem Bruder seine Geissel hingestreckt und auf den Hügel hochgezogen. Wir konnten nicht miteinander sprechen, und gerade das hat uns so nahe zueinander gebracht. Sein sanftes Lächeln schien gleichzeitig verstohlene Neugier und Gastfreundschaft auszudrücken. Er lud uns mit einer Handgeste und einem Kopfnicken ein zu seiner Familie, die in einer braunen Jurte aus grob gewobenem Stoff den Sommer verbrachte. Die rotbackige Frau und der jüngere Bruder des Reiters lächelten uns zu, als wäre das Auftauchen zweier grossnasiger Männer mit farbigen Kleidern auf Velos eine Selbstverständlichkeit. Der dunkle grosse Hund mit wildem Blick, der die Yaks bewachen musste, wurde in sicherer Distanz festgebunden und beruhigte sich erst langsam, als wir in die Jurte eintreten durften und zum Essen blieben.
Was macht solche Momente aus? Wieso sind sie so unauslöschlich in mein Gedächtnis geprägt, als wäre es gestern, während die meisten anderen Erfahrungen, tausende von staubigen, lärmigen Strassenkilometern
aus meinem Gedächtnis fast vollständig verschwunden sind? Wäre es auch möglich, mit dem Motorrad dahinzufahren und dasselbe in einem Viertel der Zeit zu erleben? Vielleicht ist es aber gerade die Seltenheit solcher Momente, die ihr die Einzigartigkeit verleiht, das leise, langsame und bescheidene Herannahen zu anderen Menschen, was ihnen ihre Offenheit verleiht. Die langen Strecken, auf denen gerade nichts Besonderes passiert, sie sind es, die Begegnungen und schöne Momente intensiver machen. Velofahren ist für mich fast ein meditativer Zustand.
Autofahren empfinde ich als Warten, bis ich aussteige und mit dem Erleben wieder beginnen kann. Das Auto als faradayscher Käfig des Nichtfühlens. Ich werde darin müde und träge, die Aufmerksamkeit wird immer kleiner,
bis sie in einer diffusen Unruhe endet, die danach trachtet hinauszugehen, zu atmen, zu hören und zu riechen, endlich wieder zu erleben.

Es muss auf einem steilen Aufstieg in Südafrika gewesen sein, als ich zusammen mit meinem Bruder zum Punkt gelangte, dass es etwas weniger leidvolles als Velofahren geben muss, um die Welt zu erfahren. So entstand die Idee, mit dem Ultraleichtflugzeug zu reisen. Der Einfall schien so gut, dass wir beide den Pilotenschein machten und uns ein Fluggerät kauften, womit
wir fortan auf Reise gehen wollten. Es war ein Trike, auf dem man, wie auf einem Motorrad, hintereinander sitzt und dem Wind ausgesetzt ist. Bis ich die Technik des Landens zu meiner Zufriedenheit beherrschte, war allerdings etwas Übung nötig. Einmal, erinnere ich mich, als noch der Fluglehrer hinter mir sass, setzte ich das UL unsanft auf die Piste, worauf es noch einmal in die Luft sprang, um wieder zu Boden zu fallen. Der Fluglehrer schlug mir von hinten auf meine Schulter und rief aus: „Was fliagsch du föa an Schaiss tsamma?“ Gerade dadurch, dass er so heftig schimpfte, nahm er mich als Pilot richtig ernst, was mich stolz machte. Es hiess für mich gleichzeitig auch: „Ich traue dir gute Landungen zu“. Und nicht zuletzt dieser Teil liess mich seither immer sicher landen.
Das Landen mit einem Flugzeug auf einer Piste löst in mir beinahe etwas wie ein transzendentales Erlebnis aus, bei dem nur noch das langsam und ruhig grösser werdende Trapez, die Piste aus dieser Perspektive, eine Rolle spielt. Die ganze Aufmerksamkeit ist nötig, um die Maschine auf der gedachten Gerade zu halten und schliesslich leise ausschwebend auf der Piste sanft abzusetzen. Ich fühle mich dabei wie ein Bogenschütze in meiner Vorstellung, der durch höchste Konzentration ins Schwarze trifft. Eine schöne Landung hat die Anmut eines sanft abgesetzten Pinselstrichs der chinesischen Kalligrafie, vielleicht ist das Gefühl dabei gar nicht so unterschiedlich.
Einmal, als ich eine Passagierin dabei hatte, fiel über einem Waldstück der Motor plötzlich aus. Es blieb mir nicht einmal Zeit,
um Angst zu haben. Ich musste rasch entscheiden, ob es noch reichen würde, auf der Wiese neben dem Wald aufzusetzen, oder ob ich nicht besser den Notschirm ziehe, welcher das Fluggerät und uns Insassen nach unten, natürlich dann in die Bäume, bringen würde. Wir glitten darauf, immer langsamer werdend, über die letzen Bäume, und ich setzte die Räder auf einem Feld neben einem erstaunten Bauern auf. Es sollte die letzte Landung mit diesem Flugzeug für mich sein. Danach verkauften wir es, nicht zuletzt deshalb, weil die Sache doch gefährlicher sein musste als zuerst angenommen.
Seit ich wieder Fussgänger und Velofahrer bin,
ist in mir die Sehnsucht des Fliegens wie ein Vogel nicht mehr ganz zum Verschwinden zu bringen. Wenn ich starte und alles am Boden hinter mir lasse, der Wind die letzen sorgenvollen Gedanken davon bläst, dann bin ich wieder in diesem Element voller Leben und Bewegung. Ich schaue hinunter und entdecke frisch gemähte Wiesen und stelle mir vor, wie ich dort elegant aufsetzen könnte. Ich sehe Menschen und Häuser und habe die Freiheit, wo ich hinfliegen möchte, hoch oder tief, langsam oder schnell, nach rechts oder links, und immer sehe ich es aus guter Distanz, und gleichzeitig weiss ich, dass ich wieder hinunter kommen werde, ob sanft oder hart, zu euch, zu uns, zu mir.

So werde ich hoffentlich noch oft, vermutlich mit dem Fahrrad, losziehen auf der Suche nach dem schönen Gefühl der Harmonie und Fülle. Es liegt wohl nicht am Ende der Welt,
sondern in mir selber. Und doch werde ich es finden, immer wieder von neuem, an vielen und überraschenden Orten, die sich meist ohne Vorankündigung zeigen. Und gleichzeitig werde ich auch wieder kämpfen gegen widrige Umstände wie Regen und Gegenwind. Ich werde mich wieder mit steilen Strassen und nicht enden wollenden Geraden abmühen, hektische Städte voller Lärm und Dreck durchqueren, die Faust ballen bei laut hupenden Lastwagen. Unlust, Ärger und sogar Wut, manchmal auf mich selber, werden mich weiter begleiten. Aber auch schöne Momente voller Anmut, Ruhe und Geborgenheit werde ich finden. Ich werde noch lange auf dem Weg bleiben, der zu mir selber führt.



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